Hessentag - Fulda Gap mal anders
Wer hätte gedacht, dass wir noch vor dem großen Einmarsch "der Russen" so viel Tötungsgerät im guten alten Fulda Gap sehen - das nimmt dem sonst so wunderschönen Aueweiher jedes bisschen Idylle: Kleinkinder, die auf Panzern herumklettern oder sich ehrfürchtig und gehorsam von einem Mann in olivgrüner Uniform den Stahlhelm aufziehen lassen. Eltern, die das Ganze lächelnd begleiten und fröhlich Fotos für den nächsten Instagram Post schießen. So weit so verstörend, doch fangen wir vorne an.
Die Stadt Fulda darf dieses Jahr - nach erfolgter Austragung der Landesgartenschau in 2023 - erneut bei den großen Hunden mitpinkeln: Der Hessentag 2026 steht ganz im Zeichen der Zeit. Während viele Grundschulkinder in Hessen nicht wissen, dass es auch mal Zeiten gab, in denen jede Schule über funktionierende Toiletten verfügte und intakte Spielplätze keine Mangelware waren, weiß die Stadt Fulda immerhin, wo das Geld viel nachhaltiger ausgegeben werden kann. Bei einem geschätzten Gesamtaufwand von knapp 12 Millionen Euro sind allein im Haushalt der Stadt 8 Millionen Euro (oder 800.000 € pro Tag) als Zuschuss für dieses "Fest der Begegnungen" eingeplant. Begegnen kann man hier wirklich vielen Menschen. So vielen, dass die Innenstadt für mehr als 10 Tage im Ausnahmezustand ist: Buslinien, die verlegt werden oder ausfallen, Anwohner, die nicht mehr vor ihrer eigenen Haustür parken dürfen (wozu auch, sie kommen ja ohnehin kaum durch), bis hin zu Notfallsanitätern, die sich darauf vorbereiten müssen, ihre Einsätze zu Fuß durchzuführen, weil auch für Rettungswagen angesichts der Scharen an Touristen für die sonst eher beschauliche Kleinstadt kein Platz da ist. Hört man sich so bei den Anwohnern in Stadt und Landkreis um, sind die meisten eher für funktionierende Infrastruktur als für den Anblick tausender von Fremdparkern in den sonst eher schützenswerten Stauflächen in den Fuldaauen - aber was wissen die schon? Die Politik lässt es halt auch gerne mal krachen! Und was ist besser in der Lage, Krach zu machen als die Bundeswehr. Deswegen haben sie auch den größten... Platz auf dem Hessentag bekommen.
Geht man über das mehr als 2.000 m² große Areal kommt man als normal fühlender Mensch ohne Fronterfahrung nicht umhin, angesichts der riesigen, dunkel-olivgrünen Kriegsmaschinen in Form von Panzern, Kampfhubschraubern und Bombern leicht zu erschauern - in Gedanken fragt man sich, welches von diesen Ungetümen am effektivsten die sog. Westlichen Demokratischen Werte in Mädchenschulen im Iran oder in Krankenhäusern in Gaza verbreitet. Aber die Bundeswehr wäre nicht die Bundeswehr, wenn sie sich nicht etwas einfallen lassen würde, um dem Schrecken, der von diesen Tötungsmaschinen ausgeht, eben jenen zu nehmen: Sie adressiert die Neugier der Kleinsten (und ihrer technikaffinen Eltern) und macht aus dem Kriegsgerät kurzerhand einen riesigen Spielplatz mit allem, was das Herz begehrt. Auch die hauseigene Pausenaufsicht wurde mitgebracht - die Militärpolizei in Form der sog. "Feldjäger" präsentiert sich selbstbewusst mit eigenem Stand und realistisch in Szene gesetztem Dummie samt Schlagstock und MP. So können die lieben Kleinen sich schon mal dran gewöhnen, damit der Schreck nicht so groß ist, wenn sie irgendwann vor der Tür stehen, um sie zur aller letzten Klassenfahrt abzuholen. Auch hier glänzt die Bundeswehr mit psychologischer Überzeugungsarbeit. Wieso sich mit PTBS abspeisen lassen, wenn man auch für prä-traumatische Belastung sorgen kann!
Auf diesem "Spielplatz" stehen auf den ersten laienhaften Blick mindestens 300-500 Millionen Euro Steuergelder allein in Form von unproduktiven Gütern wie Panzern und Fluggeräten herum - unproduktiv, weil sie genau einmal produziert werden und danach nicht mehr im Sinne eines Wertschöpfungskreislaufs irgendeinen Sinn erfüllen. Sie stehen bestenfalls rum und verrosten, schlimmstenfalls fallen sie extremistischen Staatschefs in die Hände... und sorgen nebenbei für mehr Fluchtmigration.
Jeder Euro, der in Panzer oder Jets fließt, fehlt volkswirtschaftlich bei zivilen Investitionen (z.B. in so 2010er Themen wie Infrastruktur, Bildung oder Dekarbonisierung), welche langfristig oft höhere Produktivitätsgewinne abwerfen und... naja gesünder für uns alle und nebenbei auch für die Volkswirtschaft sind. Jetzt kann man natürlich sagen: Ja, aber was, wenn uns jemand angreift? Dann müssen wir uns doch verteidigen! Was, wenn der nächste NATO Einsatz bevorsteht - wir haben doch eine Bündnispflicht!
Ein Blick in die jüngst erhobenen Zahlen zur "Kriegstüchtigkeit" der NATO-Staaten (ohne USA) zeigt: der Staatenbund, bestehend aus den europäischen NATO-Staaten inkl. Kanada, hatte im Jahr 2025 rund 626 Mrd. $ an Rüstungsausgaben (im Vergleich: die Russische Föderation hatte im gleichen Zeitraum trotz eines aktiven Kriegs mit bestehender Generalmobilmachung 190 Mrd. $). Auch in Sachen Bestand an Rüstungsgütern kommen die NATO-Staaten in der von Greenpeace veröffentlichten Studie "Europa allein zu Haus?" deutlich besser weg als Russland: Soldatenzahl (1,96 Mio. vs. 1,26 Mio.), Kampfpanzer (7.104 vs. 3.630), Kampfflugzeuge (2.215 vs. 1.064) und Kriegsschiffe (143 vs. 34). Die Studie widerlegt damit die Narrative eines „schutzlosen Europas“.
Doch all die Faktenspielerei hält einen Haubitzen-Fritze natürlich nicht davon ab, seinen Traum von der "konventionell stärksten Armee Europas" weiter zu träumen und lauwarme Gerüchte um einen drohenden Angriff Russlands in kalten Stahl gießen zu lassen. Deutsche Panzer rollen wieder - auch am Hessentag!
Womit wir wieder beim eigentlichen Thema wären: Der Besuch einer gar nicht so kleinen Ansammlung "ewig gestriger" Friedensagitatoren in Form der Aktion "Friedlicher Hessentag" gegen eine Beteiligung des Militärs hat die verantwortlichen Spielplatzleiter am Bundeswehrgelände offensichtlich so sehr verunsichert, dass sie kurzerhand ihren Haupteingang verlegt haben. Der Infostand der Partei Die Linke inkl. einer Wehrdienstverweigerungsberatung hatte offenbar bereits beim morgendlichen Aufbau so viel Verunsicherung ausgelöst, dass der eigentlich geplante Eingang, direkt gegenüber des Stands und zentral an der Zubringer-Straße gelegen, weichen musste. Davor stand dann eine relativ hilf- und ratlos dreinblickende Ansammlung von Polizisten, an diesem Tag gesegnet mit einem äußerst ruhigen Dienst. Passieren konnten weder die Aktivisten noch potenziell am Bundeswehrspielplatz interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die mussten dann einen Umweg über die "Straße der Bundespolizei" nehmen, um ihren Kindern Auslauf geben zu können. Ein kleiner aber feiner Erfolg, wie wir finden! Stellt sich jedoch die unbequeme Frage: Wenn die bewaffneten Streitkräfte der BRD sich von ein paar (gar nicht so) Langhaarigen schon ohne Aufforderung vertreiben lassen, wie soll das dann an der Ostfront erst werden? Oder war es die Signalfarbe des Linken Stands? In diesem Fall ist es ja gut, dass die russische Flagge nicht mehr rot ist...
Wie dem auch sei: Wir hatten einen erfolgreichen Tag mit vielen freundlichen Gesprächen und interessierten (vor allem jungen) Menschen, die sich oft genug und zurecht fragen, ob die Ausbildung mit und an der Waffe für diesen Staat, der ihnen nicht mal eine funktionierende Daseinsvorsorge, geschweige denn im Alter die Rente gönnt, möglicherweise doch nicht so lässig ist wie Call of Duty zu spielen. Das Interesse am Widerstand wächst dann vielleicht doch angesichts von so viel Kriegsgerät an den bereits rar gewordenen grünen Freizeitorten. Und bis auf einen harmlosen Pöbler und einen Herren mit eindeutiger Nazi-Symbolik auf dem Arm, die wir gleich weiter zum olivbraunen Einlass-Pavillon der Bundeswehr haben passieren lassen, ist uns – außer das oben beschriebene - nichts Negatives aufgefallen. Im Gegenteil: auch der Protestzug durch die Stadt war besser besucht als gedacht. Das gibt uns Hoffnung und Zuversicht, die wir alle sicherlich noch lange brauchen werden, um den Kriegstreibern der Welt etwas entgegenzusetzen. Und sei es nur eine ehrbare Einstellung zum Leben und gegen das Töten.

















